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Wettbewerb Landesgartenschau Bad Schalbach 2018
                                       
Ergebnis
3. Preis
Entscheidung 12/2013
                                               
Auslober Stadt Bad Schwalbach
Partner Architekten: roedig . schop architekten, Berlin
Mitarbeiter Maria Boehme, Enrico Kliem, Slava Makaev, Thorsten Zellmann
   


Landesgartenschau Bad Schwalbach 2018 - 3. Preis (12/2013)

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Barfuß im Oktober – ein Reisebericht
Oktober 2018. In wenigen Tagen geht die 6. hessische Landesgartenschau in Bad Schwalbach mit einem Besucherrekord zu Ende. Ich nutze einen goldenen Herbsttag um mir selbst ein Bild zu machen, wie sehr die Stadt ihr Erscheinungsbild und Image in den letzten Jahren gewandelt hat.

Innenstadt
Die zur Gartenschau wiedereröffnete Aartalbahn ist sicher die schönste Möglichkeit, die Stadt zu erreichen. Die in die Innenstadt führende und zur „Entwicklungsachse“ erklärte Bahnhofs- und Adolfstraße hat sich schon spürbar verändert: Neue Läden und Geschäfte säumen die Straße, an den Tischen vor den Cafés und Restaurants sitzen Sonnenhungrige. Das Umfeld des Rathauses wurde platzartig gestaltet. Hecken verdecken die bisher störenden Mauern der hervorkragenden Parkdecks. Die entstandenen „Rathausterrassen“ ersetzen den vorher fehlenden Marktplatz und bilden ein lebendiges, urbanes Zentrum. Auch die Straßen im angrenzenden Altstadtkern wurden aufgewertet und verströmen wieder kurstädtisches Flair.

Kurzentrum
Über die Fußgängerzone gelange ich zur neuen „Kurpromenade“. Trotz einer Vielzahl an wertvollen historischen Gebäuden bildete die Straße am Kurpark eine harte Zäsur zwischen Innenstadt, Kurgebiet und den beiden Teilen des Kurparks. Durch die Anlage eines großzügigen Baumdachs und eine Abfolge aus Plätzen und Aufenthaltsbereichen ist die bisher fehlende Verknüpfung überzeugend gelungen. Dieser Stadtraum bildet wieder das „Herzstück“ der Stadt, als dessen glanzvoller Mittelpunkt das Kurhaus inszeniert wird. Durch die enge Kooperation von Kurhaus, Stahlbadehaus und den Hotels Alleesaal und Eden Parc ist ein funktionierendes Kur-, Veranstaltungs- und Tagungszentrum entstanden. Gemeinsam konnte auch ein lange diskutiertes Parkdeck realisiert werden, das sich unauffällig westlich des Hotels Kaiserhof in die Topographie einfügt. Mit dem „Grünen Saal“ entstand ein zusätzlicher Veranstaltungsraum im Freien, der vom neuen Kurhaus-Restaurant gastronomisch bespielt wird. Das erhöht liegende, gärtnerisch gestaltete Plateau – vorher ein Parkplatz - stellt den verloren gegangenen Bezug des Kurhauses zum Park wieder her. Es bietet einen herrlichen Blick auf den angrenzenden Talraum des Rödelbachs, den Stahlbrunnen und die Englische Kirche.

Parkräume
Der Kurpark Bad Schwalbachs schlängelt sich durch zwei Bachtäler. Durch die Maßnahmen der Gartenschau ist es beispielhaft gelungen, das Kulturdenkmal auf Grundlage eines umfassenden Parkpflegewerks von 2008 zu erhalten und weiter zu entwickeln. Nicht die Rekonstruktion bestimmter Zeitepochen war das Ziel, sondern eine sensible Neuinterpretation. Alle Eingriffe und Ergänzungen stehen im Einklang mit den historischen Potentialen und Qualitäten. In den beiden Bachtälern ist eine Abfolge von „Parkräumen“ entstanden, die die historischen Etappen des Kurbetriebs wieder klar ablesbar machen. Der Spaziergang durch die beiden Talräumen wird so zu einer kurzweiligen Zeitreise durch die glanzvollen Epochen der Kurstadt, vom aristokratischen Treffpunkt und mondänen Staatsbad über ein „Sozialbad“ bis hin zum zukunftsweisenden Freizeitpark für Jedermann. Das Wegenetz wurde nach historischen Vorbildern und im Bezug auf stadträumliche Funktionen ergänzt.Geradlinige Erschließungsalleen und Baumreihen bilden die verbindenden Orientierungslinien und Raumkanten der Parkräume. Der gesamte Park wirkt durch ein einheitliches, zeitlos-schlichtes Möblierungs- und Beleuchtungskonzept aufgeräumt und modern.

Siesmeyer-Kurpark
Im nördlichen Kurpark bildeten historische Pläne der Gebrüder Siesmeyer aus den1870er Jahren das gestalterische Leitbild. Landschaftliche, großzügige Partien stehen im reizvollen Wechsel zu kleinteiligen, ausstattungsreichen Gartengestaltungen. Der Bereich um den Stahlbrunnen wurde im Geist der 30er und 50er Jahre bewahrt. Ihm kommt inzwischen ebenfalls Denkmalcharakter zu. Die Wegeführung wurde in Anlehnung an die Siesmeyer-Planung neu konzipiert. Das wiederhergestellte Wegerondell bildet mit Sitzstufen im Rasen einen in sich ruhenden, meditativen Mittelpunkt. Nach intensiven Diskussionen mit der Denkmalpflege wurde die nördliche Stahlallee nicht wieder hergestellt – ihr fehlt heute der räumliche Bezugspunkt. Die notwendige Raumkante wurde durch eine Fortsetzung der Reitallee am Parkrand erreicht. Teile der südlichen Stahlallee wurden gemäß eines Baumentwicklungsplans neu gepflanzt, eine nie realisierte „Lücke“ südlich des Stahlbrunnens wurde durch Neupflanzungen geschlossen, um sie als klare Orientierungslinie im Park herauszustellen. Deren Endpunkt bildet heute ein Sitzplatz an einer naturnahen Aufweitung des Rödelbachs, der ab hier verrohrt verläuft. Eine malerische Weide am Wasser und der Trinkpavillon des Neubrunnens bilden besondere Blickpunkte. Die an der historischen Stelle noch immer vorhandene Kurgärtnerei wurde zum Kneipp-Garten mit einem „Apothekergarten“, einem „Küchengarten“ und einer Freiluftküche umgestaltet. Er bildet den Auftakt zum neu entstandenen „Kneipp-Erlebnisweg“. Bad Schwalbach darf seit kurzem mit dem Markenzeichen „Kneipp-Kurort“ werben und zeigt, wie zeitlos und modern der ganzheitliche Gesundheitsansatz des Pfarrers Kneipp auch heute noch ist. Ein neu errichtetes Lagergebäude öffnet sich zur Parkseite durch eine gläserne „Orangerie“. Nördlich der Kurgärtnerei befindet sich unter einem Baumdach ein Caravanstellplatz und PKW-Parkplätze, die den entfallenen Parklatz hinter dem Kurhaus ersetzen.

Wilderness
Der aufgestaute Rödelbach bildet den Übergang zum nächsten Parkraum, der die historische Mode der „Wilderness“, also der „überhöhten Natur“ aufgreift, aber durchaus auch der heutigen Natursehnsucht entgegen kommt. Die zu einem Großteil überalterte Mittelallee wurde in diesem Abschnitt nicht neu gepflanzt.Statt dessen wurde die Genthstraße zur „Genthallee“ umgestaltet. Sie bildet nun die südliche Raumkante und bindet das Kurviertel wieder besser an die Innenstadt an. Der Neubrunnen wurde mit einem modernen Pavillon als Trinkstelle gestaltet und bildet zusammen mit dem benachbarten Natur- und Wasserspielplatz einen weiteren Baustein auf dem Brunnenerlebnisweg. Der Spielplatz erzählt die Geschichte der Fee Schwalba. Der Legende nach verwünschte die böse Fee die Stadt, was sie später bitter bereute. Ihre Tränen quellen noch heute aus dem Boden und bilden die Grundlage für die Heilkraft des Wassers.

Naturerlebnispark
Den Übergang zum bewaldeten Landschaftstal des Rödelbachs bildet der „Naturpark“ mit einem Wechsel aus naturnahen Wiesen und Feuchtbereichen. Ein neuer Mittelweg entlang eines natürlichen Geländesprungs erschließt den Talraum und führt zum „begehbaren Biotop“. Das Naturerlebnis steht im Mittelpunkt dieses Parkraums.

Paracelsus-Siedlung
Auf dem Gelände einer früheren Kurklinik entsteht eine Mustersiedlung aus 2 dreigeschossigen Holzgebäuden direkt am Park und bis zu 383 Grundstücken für Einfamilien- und/oder Doppelhäuser. Hier wird energieeffizienter, ökologisch-orientierter und gleichzeitig bezahlbarer Wohnraum entstehen, der Bad Schwalbach vor allem für junge Familie attraktiv machen wird. Zwei Musterhäuser in Holzbauweise können bereits jetzt besichtigt werden. Die noch freien Grundstücke wurden terrassenförmig als temporäre „Visionengärten“ gestaltet. Gartenbauverbände aber auch regionale Akteure und Kreative zeigen experimentelle und innovative Beiträge die zum Nachdenken anregen, wie wir in Zukunft leben wollen.

Parkentree am Stahlbadehaus
Auch der südliche Kurpark hat sich stark gewandelt. Der neu entstandene Hofgarten bildet einen repräsentativen Auftakt zum Park und gibt dem Alleesaal den fehlenden Freiraumbezug zurück. Es ist heute kaum noch vorstellbar, dass sich an dieser sensiblen Schnittstelle zwischen Park und Stadt ein Parkplatz befand. Die Stellplätze wurden an den Parkrand verlegt. Die Böschung gegenüber des Stahlbadehauses wurde dazu mit einer Stützmauer abgefangen. Sie stellt die Raumwirkung eines historischen Wandelgangs an dieser Stelle wieder her und gibt dem Eingangsbereich räumlichen Halt.Unmittelbar am Parkeingang wurde die Touristeninformation und die zentrale Kneipp-Beratung integriert.

Weinbrunnen
Der Bereich um den Weinbrunnen versprüht wieder den Charme der 30-er Jahre. Das Brunnengebäude, der Wandelgang und das im Bauhaus-Stil errichtete Hotel Eden Parc bilden wieder ein harmonisches Ensemble.

Landschaftspark
Das Baumdach des Konzertplatzes bildet den Übergang zum Landschaftspark. Gestalterisches Leitbild war hier der „Koenen-Plan“ von 1875. Der Kurteich erhielt den historischen Charakter eines Waldweihers zurück und ist wieder zu einem der beliebtesten Fotomotive der Stadt geworden. Ein Tempel, eine Flora-Statue und eine Knüppelbrücke wurden als filigrane Stahl-Laserarbeiten zeitgenössisch neu interpretiert und stellen verloren gegangene Blickbeziehungen wieder her. Die westlich angrenzende Wiese wurde in ihrer landschaftlichen Weite erhalten. An der nördlichen Badstraße wurde die historische Allee komplett neu gepflanzt, die südliche Allee wurde ergänzt. Das Moorbadehaus bietet die reizvolle Kulisse für die Blumenschauen: Dunkel gehaltene Räume stehen im Kontrast zu den farbigen Blüten. Eine integrierte Ausstellung erklärt Besuchern die Heilkraft des Moores, das neben den Heilquellen die Bedeutung Bad Schwalbachs als Kurstadt begründet hat. Eine neu entstandene Tiefgarage im benachbarten Hotel, dem früheren Moorpackungshaus machte es möglich, den ruhenden Verkehr aus dem Park zu entfernen. Auch die bisher stark trennende Wirkung der querenden Straße konnte deutlich reduziert werden. Der Vorbereich des Moorbadehauses wurde im Geist des beginnenden 20. Jahrhunderts weitläufig und repräsentativ gestaltet. Unmittelbar neben dem Moorbadehaus startet die historische Kurbahn, die Besucher bis hin zu den Moorgruben bringt.

Freizeitpark und Gesundheitspark
Der anschließende Freizeitpark mit Minigolf, Restaurant im Golfhaus und Nordic-Walking-Routen wurde zum „Generationenpark“ weiter entwickelt und durch neue Attraktionen ergänzt. Ein vorhandener Tennisplatz wurde nach einer historischen Vorlage optisch geöffnet und damit besser integriert. Ein Abstecher zum Naturdenkmal der „Waldriesen“ ist zwar etwas beschwerlich, der großartige Ausblick und der liebevoll restaurierte Waldpavillon lohnen die Mühe aber allemal. Der Abenteuerspielplatz in einem gegenüber abzweigenden Seitental greift das Motiv der „Waldriesen“ auf. Kulissenhaft sind vom Weg aus Kunstfelsen sichtbar, die an die Silhouette von Gesichtern erinnern. Sie dienen als Kletterfelsen und überspannen mit Wackelstegen den Talraum. Ein Barfußpfad mit vielen Stationen wie dem Moor- und dem Wassertreten wurde durch Geräte eines „Motorikparks“ ergänzt, auf denen Geschicklichkeit und Ausdauer trainiert werden können. Sitzplätze, Ruhedecks und Liegewiesen bilden Rast- und Treffpunkte. Die Spielstationen scheinen die Besucher magisch anzuziehen. Selbst an diesem frühen Oktobertag sehe ich überall fröhliche Besucher jeden Alters barfuß im Gras.

Moorgruben und Waldsee
Den Abschluss des Talraums bilden die historischen Moorgruben. Die erste Grube wurde mit einer einfachen Holztribüne zur „Moorbühne“ umgestaltet. Das „Moorspektakel“ und Open-Air-Aufführungen werden sicher über die Gartenschau hinaus zu Besuchermagneten. Eine kleine Beobachtungsplattform bietet einen Ausblick auf die noch weit in den Talraum aufgereihten Gruben. Eine weitere Moorgrube wurde zum „Sanarium“ gestaltet. Über Stege und eine Rampe wurde die Grube begehbar. Nebeldüsen, raffiniert komponierte Klanginstallationen und eine allabendliche, stimmungsvolle Beleuchtung steigen das seelische Wohlbefinden und schaffen eine mystische Atmosphäre. Ausstellungstafeln erklären die historische Funktion der Moorgruben und die verschiedenen Moorlebensräume. Röhricht, Seggen, Torfmoosen, Wollgräser und sogar der seltene Sonnentau lassen sich aus unmittelbarer Nähe beobachten.
Den Tag lasse ich am Waldsee ausklingen. Ich sitze auf einem Steg und beobachte die Herbstsonne, die golden hinter dem Taunuswald versinkt. Ein Ruderboot gleitet noch langsam durch das kristallklare Wasser.„Im Zauber des Kurparks“ lautete das Motto der Gartenschau. Und tatsächlich scheint ein Zauber über der ganzen Stadt zu liegen. Ich schließe die Augen und bin mir ganz sicher: Ich komme bald wieder!